DAS HAUS UNSERER TRÄUME
Zum 20-jährigen Bestehen des Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums „Shalom Europa“

Von Anfang an unterstützte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Würzburg und Unterfranken das Projekt maßgeblich. Bis heute begleitet sie unsere Gemeinde in enger Verbundenheit.
Die offizielle Eröffnung des Gemeinde- und Kulturzentrums fand am 23. Oktober 2006 statt und stieß auch in den regionalen Medien auf großes Interesse. Die Berichteund Zeitungsartikel sind bis heute im Internetarchiv der Gemeinde zugänglich.
Die feierliche Einweihung folgte am 5. November 2006. Edward Kowalertschuk hielt diesen Tag in einem Film fest, der heute zu den wenigen erhaltenen Zeitdokumenten zählt. Die Bilder führen zwanzig Jahre zurück: Wir sehen uns jung, voller Hoffnung und glücklich, dass der Traum eines eigenen Gemeindezentrums Wirklichkeit geworden war.
In diesem Herbst feiert das Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa“ sein 20-jähriges Bestehen. Für die Stadtgeschichte sind zwanzig Jahre nur ein kurzer Zeitraum, für unsere Gemeinde jedoch eine prägende Epoche. Neue Familien kamen hinzu, Hunderte von Festen, Konzerten, Ausstellungen und Begegnungenfanden hier statt. Heute treffen sich bereits vier Generationen unter dem Dach von„Shalom Europa“.
Wer das Gebäude in der Valentin-Becker-Straße betritt, kann kaum glauben, wie schwach das jüdische Leben in Würzburg noch vor wenigen Jahrzehnten war. Die wenigen Überlebenden der Schoa befürchteten damals, die jahrhundertealte Geschichte der jüdischen Gemeinde könnte mit dem Holocaust endgültig enden.
Ein neues Kapitel
In den 1990er Jahren veränderte die Einwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion die jüdischen Gemeinden in Deutschland grundlegend. Mit der wachsenden staatlichen Förderung entstanden neue Möglichkeiten zum Ausbau der Gemeindestrukturen. Die Würzburger Gemeinde wuchs innerhalb weniger Jahre von rund 200 auf über 1.000 Mitglieder und konnte den lange geplanten Bau eines neuen Gemeindezentrums verwirklichen.
Es entstand auf dem historischen Areal in der Valentin-Becker-Straße, dem Zentrum jüdischen Lebens nach dem Krieg. Hier wurde 1970 als Ersatz für die im Nationalsozialismus verlorene Hauptsynagoge in der Domerschulstraße die neue Synagoge eingeweiht. Sie bildet bis heute das architektonische und geistige Zentrum von „Shalom Europa“ und ist der wichtigste Ort des jüdischen Gebets.
David Schusters
Initiative
David Schuster (1910–1999), langjähriger Vorsitzender der Gemeinde, erlebte die Eröffnung von „Shalom Europa“, dem Werk seines Lebens, nicht mehr. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es maßgeblich zu verdanken, dass „Shalom Europa“ verwirklicht werden konnte. Mit großer Anteilnahme kümmerte er sich um die aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion
zugewanderten Familien. In ihnen sah er die Zukunft der Gemeinde und setzte sich mit ganzer Kraft für ihre Integration und ein neues Zuhause in Deutschland ein.
David Schuster wurde zu einer legendären Persönlichkeit des jüdischen Würzburgs.Eines der ihm gewidmeten Bücher ist David Schuster. Blicke auf ein fränkisch-jüdisches Leben im 20. Jahrhundert von Rotraud Ries und Roland Flade, erschienen 2010 An David Schuster erinnern heute der große Veranstaltungssaal des Gemeindezentrums, die David-Schuster-Realschule und eine Straße in Würzburg
Von der Idee zum Bau
Im Mai 1999 wurde der Entwurf des Architekturbüros Grellmann, Kriebel und Teichmann vorgestellt, am 1. November 2001 erfolgte die Grundsteinlegung.
Der Bau entstand in zwei Abschnitten; der erste war bereits im Sommer 2003 abgeschlossen.
Der Gebäudekomplex umfasst rund 4.800 Quadratmeter und kostete 15,1 Millionen Euro. Finanziert wurde er vom Freistaat Bayern, dem Bezirk Unterfranken, dem Bayerischen Landesstiftungsfonds, aus Förderprogrammen von Bund und Freistaat, durch die Ronald S. Lauder Foundation, die christlichen Kirchen sowie zahlreiche private Spender.
Als in der Schlussphase noch 1,4 Millionen Euro fehlten, gelang es der Initiative „Shalom Europa“ gemeinsam mit der Gemeinde, auch diese Summe aufzubringen.

Die Schlüsselfiguren hinter dem Projekt: der Initiativkreis Shalom Europa – 2006 (v. l.): Karl Grün, Jakov Ebert, Dr. Josef Schuster, Rosa Grimm, Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Dr. Otto Grimm, Dr. Thomas Trenkle, Dipl.-Ing. Erich Müller, Dipl.-Ing. Gerhard Grellmann, Prof. Dr. Dr. Karlheinz Müller. Nicht im Bild: Pia Vogel
https://www.shalomeuropa.de/initiativkreis.html
Erinnerung für die Zukunft
Im dritten Obergeschoss von „Shalom Europa“ befindet sich außerdem das Johanna-Stahl-Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken. Es widmet sich der Dokumentation, Erforschung und Vermittlung der jüdischen Geschichte der Region und trägt seit 2011 den Namen der Würzburger Historikerin Johanna Stahl.
Eine besondere Stellung nimmt das Museum ein. Sein Herzstück ist die weltweit
größte Sammlung von über 1.500 mittelalterlichen jüdischen Grabsteinen und Grabsteinfragmenten, die 1987 im Würzburger Stadtteil Pleich entdeckt wurden.
Die Entstehung des Museums und die wissenschaftliche Erschließung dieser
einzigartigen Funde sind untrennbar mit Prof. Dr. Dr. Karlheinz Müller verbunden.
Gemeinsam mit der Gemeindeleitung entwickelte er das Konzept der Dauerausstellung.
„Es geht hier nicht nur um die Präsentation kultur- und geschichtsträchtiger Objekte, sondern um die Kontinuität jüdischen Lebens.“ So beschrieb Professor Müller die
Idee des Museums. Mit modernen museumspädagogischen Mitteln und den „Jüdischen Steinen“ als kollektives Gedächtnis der Würzburger Juden vermittle es ein Bild jüdischen Lebens, das Tradition und Gegenwart verbinde. Ein vergleichbares jüdisches Erlebniszentrum gebe es in Europa nicht.
Über viele Jahre bildete Professor Müller zudem ehrenamtliche Museumsführer
aus, die Besucherinnen und Besuchern Geschichte und Gegenwart des Judentums in Würzburg näherbringen. Heute engagieren sich zahlreiche Ehrenamtliche im Museum. Mit rund 250 Führungen jährlich für Schulklassen und Erwachsene ist es für viele Menschen der erste Zugang zum jüdischen Leben in Würzburg.
Der ehemalige Gemeinderabbiner Jakob Ebert (2002–2023) mit Dr. Josef Schuster beim 10-jährigen Jubiläum von Shalom Europa. Foto: Jüdische Allgemeine
Das lebendige Herz der Gemeinde
„Shalom Europa“ ist heute das religiöse, soziale, kulturelle und gesellschaftliche
Zentrum der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken. Hier finden regelmäßig Gottesdienste, Schabbatfeiern und Veranstaltungen zu den jüdischen Feiertagen sowie Schabbatons und weitere Programme für Kinder, Jugendliche und Familien statt. Zum Bildungsangebot gehört außerdem jüdischer Religionsunterricht für Schülerinnen und Schüler, der als ordentliches Unterrichtsfach im Rahmen des schulischen Bildungsangebots erteilt wird. Großen Zuspruch findet auch die Beratung der Sozialabteilung, bei der Gemeindemitglieder Unterstützung und Orientierung in unterschiedlichen persönlichen, familiären und behördlichen Fragen erhalten. Eine koschere Küche sorgt für die Verpflegung bei Gottesdiensten, Feiertagen und Gemeindeveranstaltungen. Seminare und Fortbildungen, unter anderem für Freiwillige aus ganz Bayern im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes, ergänzen das vielfältige Aktivitäten des Gemeindezentrums.
Eine wichtige Rolle im Gemeindeleben spielen zahlreiche Kultur- und Bildungsprojekte: die Sonntagsschule „Shalom Jeladim“, das Jugendzentrum „Keshet“, die Kunstakademie „JüKa“, die ESKO-Clubs sowie die Bibliothek des JSKV, Angebote für jüdische Studierende und ein Familienclub.
Seit 2003 bereichert außerdem die Musik- und Tanzgruppe „Menora“ mit ihren
Auftritten das Gemeindeleben.
Zwanzig Jahre später
In den vergangenen zwanzig Jahren hat „Shalom Europa“ nicht nur Zeiten des
Wachstums und der Offenheit erlebt, sondern sich auch neuen Herausforderungen
stellen müssen. Nach den tragischen Ereignissen vom 7. Oktober 2023 ist die Zahl
antisemitischer Vorfälle und Angriffe in vielen Ländern – darunter Deutschland,Frankreich, Australien und weitere Staaten – deutlich angestiegen. Brandanschläge auf Synagogen, Übergriffe auf Mitglieder jüdischer Gemeinden, Drohungen und Vandalismus haben gezeigt, wie verletzlich jüdisches Leben erneut geworden ist. Unter diesen Umständen mussten die Sicherheitsmaßnahmen in „Shalom Europa“ erheblich verstärkt werden. Zugleich gewann das Gemeinde- und Kulturzentrum als geschützter Ort für unsere Gemeinschaft weiter an Bedeutung. Heute zählt die Jüdische Gemeinde Würzburg und Unterfranken rund 800 Mitglieder. In den vergangenen zwanzig Jahren ist „Shalom Europa“ zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens der Region geworden – als Ort der Bewahrung jüdischer Traditionen, des interreligiösen Dialogs und der offenen Begegnung.
Auf den Seiten von „Unser Panorama“
Seit 2012 berichtet unsere Zeitschrift „Unser Panorama“ über das Leben des
Gemeinde- und Kulturzentrums und der Jüdischen Gemeinde. In den vergangenen vierzehn Jahren ist sie nicht nur zu einer wichtigen Informationsquelle, sondern auch zu einer Chronik jüdischen Lebens in Würzburg geworden. Ihre Seiten dokumentieren Rosh haShana, Jom Kippur, Sukkot, Chanukka, Purim,Pessach und andere jüdische Feiertage ebenso wie Gemeindeversammlungen, Jubiläen, Nachrufe, Erinnerungen von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Interviews, Reportagen, zahlreiche Fotografien sowie amtliche Mitteilungen.
Auch die schwierige Zeit der Corona-Pandemie hat ihren Platz in „Unser Panorama“
gefunden. Das öffentliche Leben kam weitgehend zum Stillstand, persönliche Begegnungen wurden selten, und auch das Gemeindeleben war durch die Schutzmaßnahmen stark eingeschränkt. Gerade diese Berichte ermöglichen es heute, die Geschichte von „Shalom Europa“ Schritt für Schritt nachzuvollziehen. Sämtliche Ausgaben von „Unser Panorama“ sind sowohl in der Gemeindebibliothek als auch im elektronischen Archiv auf der Website der Gemeinde zugänglich.
QUELLE
Bei der Eröffnung des Zentrums am 5. November 2006 dankte der Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken, Dr. Josef Schuster, den Mitgliedern des Vorstands, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Büros und der Küche, den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sowie allen Gemeindemitgliedern für ihre Unterstützung und Hilfe während der fünfjährigen Bauzeit. Die Simultanübersetzung der Ansprache übernahm Alexandra Golosowskaja. November 2006 Standbild aus dem Film von E. Kovalerchuk